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Toxische Beziehungen: Zwischen Bindung und Belastung

Der Begriff „toxische Beziehung“ ist heute fast überall zu hören: Auf Social Media, in Podcasts, in Gesprächen unter Freund:innen. Kaum ein Wort wird derzeit so häufig verwendet, wenn es um schwierige Partnerschaften, belastende Freundschaften oder konfliktreiche Beziehungen in der Familie geht. Viele Menschen erkennen sich darin wieder, oft mit einem diffusen Gefühl, dass etwas nicht stimmt, und beginnen erstmals, ihre Beziehung zu hinterfragen. Oft bleibt Unsicherheit zurück: Was bedeutet „toxische Beziehung“ eigentlich genau? Bedeutet jede schwierige Phase gleich, dass eine Beziehung toxisch ist? Und warum beendet man eine so belastende Beziehung eigentlich nicht einfach, obwohl die negativen Auswirkungen auf das eigene Leben längst spürbar sind? Dieser Beitrag soll Orientierung geben und beleuchten, was mit toxischen Beziehungen gemeint ist, wie sie entstehen, welche Dynamiken dahinterstecken und wie man sich lösen kann.

Toxische Beziehungen: Zwischen Bindung und Belastung

Was ist eine toxische Beziehung?

Definition

Das Phänomen „toxische Beziehung“ ist heutzutage in aller Munde. Doch obwohl der Ausdruck so häufig verwendet wird, gibt es in der Wissenschaft keine klare Definition. In der Psychologie findet man kaum Fachartikel, die explizit von „toxischen Beziehungen“ sprechen – vielmehr ist hier von dysfunktionalen Beziehungen oder destruktiver Partnerschaft mit psychischem Missbrauch und emotionaler Gewalt die Rede. Der Ausdruck „toxisch“ ist also eher ein alltagssprachlicher Sammelbegriff für Beziehungserfahrungen, die durch bestimmte Muster dauerhaft belasten (Luerweg, 2025; Rifayanti et al., 2022):

Gemeint sind Beziehungen, in denen meist emotionale Gewaltformen stattfinden – zum Beispiel emotionale Übergriffe wie Manipulation, Beleidigungen, wiederholtes Bloßstellen oder subtile Drohungen (Luerweg, 2025). Solche Beziehungen erzeugen anstatt Sicherheit, Unterstützung und Wachstum vielmehr Stress, Angst oder das Gefühl, ständig etwas falsch zu machen (Rifayanti et al., 2022).

Häufig entsteht in toxischen Beziehungen ein Ungleichgewicht: Eine Seite hat mehr Kontrolle und Macht über die Gefühle, Entscheidungen oder Verhalten der anderen Person. Das geschieht jedoch nicht offen, sondern entwickelt sich schleichend. Gerade diese Form der schrittweisen Manipulation macht die Dynamiken dahinter schwer greifbar und führt dazu, dass Betroffene oft lange unsicher sind, ob ihre Wahrnehmung überhaupt berechtigt ist (Sweet, 2019). 

Wichtig: Nicht jede schwierige Phase oder jeder Streit macht eine Beziehung direkt zu einer „toxischen“ Beziehung – Konflikte gehören zu jeder Partnerschaft dazu. Entscheidend ist vielmehr das Muster dahinter und ob es gelingt, respektvoll miteinander umzugehen, Probleme anzusprechen und Lösungen zu finden.

Wer ist betroffen?

Grundsätzlich kann jede Person in eine toxische Beziehung geraten, unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildungsstand oder sozialem Hintergrund. Toxische Muster lassen sich nicht nur in einer romantischen Liebesbeziehung finden, sondern auch in Freundschaften, familiären Beziehungen oder am Arbeitsplatz (Rifayanti et al., 2022; Topic, 2025). Eine Erhebung der Online-Partnervermittlung fand in Deutschland heraus, dass bereits jede:r dritte Deutsche in einer toxischen Beziehung war – insbesondere Frauen (Parship, 2021).

Vor allem sind Menschen gefährdet, die früh gelernt haben, sich stark an andere anzupassen. Dazu zählen Personen mit geringem Selbstwertgefühl, ausgeprägten Verlustängsten oder Beziehungserfahrungen aus der Kindheit – beispielsweise Vernachlässigung, an Bedingungen geknüpfte Zuneigung oder Gewalt (Topic, 2025). Forschung zu Entwicklung und Bindung zeigt, dass unsichere Bindungsmuster das Risiko erhöhen können, in Beziehungen zu bleiben, die einem langfristig schaden (Hazan & Shaver, 1987). 

Wie entstehen toxische Beziehungen?

Toxische Beziehungen beginnen in den seltensten Fällen toxisch. Am Anfang ist oft das Gegenteil der Fall: Große Nähe, intensive Gefühle, der Eindruck, endlich gesehen zu werden. Der oder die Partner:in wirkt aufmerksam, charmant und verständnisvoll – quasi ideal (AOK, 2022). Für viele fühlt sich diese Phase zunächst wunderschön an und vermittelt den Gedanken, etwas ganz Besonderes gefunden zu haben. Schwierigkeiten und Probleme erscheinen in dieser Anfangsphase nebensächlich oder lösbar.

Mit der Zeit beginnt sich die Beziehung jedoch zu ändern: Grenzen werden überschritten, Kritik wird häufiger und Nähe wird teilweise entzogen. Das führt dazu, dass Unsicherheit entsteht. Aussagen oder Verhaltensweisen, die anfangs als Kleinigkeiten wahrgenommen wurden, häufen sich. Diese Veränderungen geschehen aber meist so langsam, dass Betroffene sie selbst erst mal kaum bemerken (Topic, 2025). Viele berichten rückblickend, dass sie Warnsignale wahrgenommen haben – beispielsweise in Form von ersten Zweifeln oder dem Gedanken, sich selbst anpassen zu müssen. Dennoch werden diese Signale oft nicht ernst genommen, sei es aus Liebe, Hoffnung oder Angst, die Beziehung zu verlieren.

Frau, die nachdenklich im Bett liegt, während ihr Partner im Hintergrund sitzt

Anzeichen für toxische Dynamiken

Es gibt kein einzelnes typisches Merkmal, an dem man eine toxische Beziehung auf den ersten Blick erkennen kann. Vielmehr ist es die Kombination verschiedener Verhaltensweisen, die langfristig belastet. Dabei müssen nicht alle Hinweise gleichzeitig auftreten – manche zeigen sich deutlich, andere subtiler (Topic, 2025). 

Love Bombing vs. Liebesentzug

Zu Beginn der Beziehung kommt es häufig zu einer Phase intensiver Nähe in Form von Lovebombing:

  • Übermäßige Aufmerksamkeit
  • Komplimente
  • Geschenke
  • Zahlreiche Liebesbekundungen

Problematisch wird es dann, wenn diese intensive Nähe später gezielt entzogen wird: Anerkennung und Liebe werden an Bedingungen geknüpft und dienen als Druckmittel (Topic, 2025). Die Fachliteratur beschreibt Lovebombing als manipulative Strategie, die häufig bei Beziehungsmustern mit narzisstischem oder emotionalem Missbrauch vorkommt (Beri, 2024). Betroffene geraten dabei oft in einen Kreislauf aus Hoffnung und Verunsicherung, weil sie versuchen, die anfängliche Nähe wiederherzustellen. 

Unberechenbarkeit und emotionale Unsicherheit

Zuwendung und Wärme wechseln sich mit Kälte und Wut ab (AOK, 2022; Luerweg, 2025). Für Partner:innen entsteht dadurch ein permanenter Zustand der Anspannung. Oft beginnen sie, ihr Verhalten anzupassen und Bedürfnisse zurückzustellen, um Konflikte zu vermeiden oder die Beziehung zu stabilisieren (Topic, 2025). Studien zeigen, dass diese Unsicherheit emotionale Abhängigkeit verstärken kann – die Beziehung wird trotz Belastung zum emotionalen Mittelpunkt (Day et al., 2021; Topic, 2025). 

Manipulation und Infragestellen der eigenen Wahrnehmung

Manipulative Dynamiken gehören zu den am häufigsten beschriebenen Merkmalen toxischer Beziehungen und äußern sich oft schon in kleinen, wiederkehrenden Situationen. Eigene Gefühle werden relativiert, Sorgen heruntergespielt und es erfolgen Schuldzuweisungen. Oft fallen Sätze wie „Du übertreibst“, „Das hast du falsch verstanden“ oder „Das bildest du dir ein“. Diese Form psychischer Gewalt wird häufig als Gaslighting bezeichnet und kann dazu führen, dass an der eigenen Wahrnehmung gezweifelt wird und das Vertrauen in die eigenen Gefühle verloren geht (Topic, 2025).  

Kontrolle und Grenzüberschreitungen

Kontrolle kann offen oder verdeckt auftreten, etwa indem soziale Kontakte kritisiert, Treffen mit Freund:innen verhindert oder Entscheidungen ständig bewertet werden. Forschung beschreibt diese Kontrolle als gezielten Versuch, Macht auszuüben und den Handlungsspielraum der betroffenen Person Schritt für Schritt einzuengen (Rifayanti et al., 2022; Topic, 2025).

Auch Grenzüberschreitungen und emotionale Erpressung gehören zu den Anzeichen einer toxischen Beziehung: Beleidigungen, Bloßstellungen oder Abwertungen gehören zum Alltag vieler Betroffener. Drohungen wie „Ohne mich hast du Niemanden“, „Ich kann ohne dich nicht leben“, oder „Ich zerstöre dich“, die Angst und Schuldgefühle auslösen, werden genutzt, um Verhalten zu steuern oder Trennungen zu verhindern. Studien und Fachbeiträge zeigen, dass teils auch mit Selbstverletzung oder Suizid gedroht wird, was Abhängigkeit und Schulgefühle verstärkt und die psychische Belastung erheblich erhöht (Luerweg, 2025; Topic, 2025). 

Rückzug und emotionale Kälte

Nach Konflikten tritt häufig ein typisches Muster auf: Schweigen, Ignorieren oder Liebesentzug werden als Strafe eingesetzt. Diese Form des emotionalen Missbrauchs ist besonders schmerzhaft, weil sie Nähe bewusst verweigert und das Bedürfnis nach Bindung gezielt ausnutzt. Betroffene bemühen sich oft noch stärker, um wieder Nähe herzustellen, wodurch sich die Abhängigkeit weiter verfestigt (Dutton & Painter, 1993; Luerweg, 2025). 

Physische Gewalt 

Körperliche Gewaltformen wie Schläge oder sexueller Missbrauch sind immer ein ernstes Warnsignal. Studien zeigen, dass toxische Beziehungen das Risiko für körperliche Gewalt deutlich erhöhen, insbesondere bei stark dysfunktionalen Persönlichkeitsmustern (Day et al., 2021).

Warum entsteht toxisches Verhalten?

Toxisches Verhalten hat meist tiefere Hintergründe und Ursachen und lässt sich oft auf die Veranlagung der Partnerin oder des Partners zurückführen (Luerweg, 2025). Häufig liegen frühe Beziehungserfahrungen aus der Kindheit zugrunde: unsichere Bindung, emotionale Vernachlässigung, inkonsistente Erziehung (Topic, 2025). Erfahrungen wie Desinteresse oder verletzende Worte von Bezugspersonen können dazu führen, dass Nähe später mit Angst, Kontrollbedürfnis, Aggressivität oder Rückzug verbunden wird (Hazan & Shaver, 1987; Luerweg, 2025). 

Auch narzisstische Persönlichkeitszüge, die oftmals durch den Erziehungsstil geprägt werden, spielen in vielen toxischen Beziehungen eine große Rolle (Luerweg, 2025). Forschung zeigt, dass Menschen mit pathologischem Narzissmus häufiger manipulativ, kontrollierend oder abwertend handeln (Brunell & Campbell, 2011; Campbell et al., 2002). Ihre Partner:innen berichten oft von hoher psychischer Belastung, Schuldgefühlen und emotionaler Abhängigkeit (Bailey & Grenyer, 2014; Brunell & Campbell, 2011).

Wichtig ist jedoch, nicht zu pauschalisieren. Nicht jede toxische Beziehung ist automatisch narzisstisch geprägt und nicht jedes problematische Verhalten ist Ausdruck einer Persönlichkeitsstörung. Toxische Dynamiken entstehen meist aus einem Zusammenspiel von individuellen Erfahrungen und Beziehungsmustern.

Folgen toxischer Beziehungen

Die Auswirkungen toxischer Beziehungen gehen in der Regel weit über die Beziehung selbst hinaus. Sie können das gesamte Leben beeinflussen, oft auch noch lange nach dem Ende der Partnerschaft. Die Folgen zeigen sich dabei nicht nur psychisch, sondern häufig auch körperlich:

Angstzustände und depressive Verstimmung

Viele Betroffene entwickeln psychische Beschwerden wie Angstzustände oder depressive Verstimmungen. Ständige innere Anspannung und die Angst, nie genug zu sein oder etwas falsch zu machen, wirken sich langfristig auf das seelische Wohlbefinden aus. Studien zeigen, dass Menschen in dauerhaft belastenden Beziehungen häufig Symptome von Depression aufweisen (AOK, 2022; Day et al., 2021; Luerweg, 2025; Rifayanti et al., 2022).

Frau, die auf einem Bett liegt und die Hände vor dem Gesicht hält

Selbstwert und Schuldgefühle

Auch Scham- und Schuldgefühle sind häufig die Folge toxischer Beziehungen. Viele Personen in toxischen Beziehungen übernehmen die Verantwortung für Konflikte oder geben sich selbst die Schuld dafür, dass die Beziehung nicht funktioniert. Eigene Bedürfnisse werden zurückgestellt oder ganz verdrängt. Das Selbstwertgefühl leidet und das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung geht verloren (Bailey & Grenyer, 2014; Topic, 2025).

Diese inneren Verletzungen wirken oft über das Ende der Beziehung hinaus nach, so dass es vielen schwerfällt, sich in neuen Partnerschaften emotional zu öffnen. Nähe wird vorsichtiger erlebt, Bindung fällt schwerer, und tiefere emotionale Verbundenheit bleibt oft über längere Zeit eingeschränkt (Luerweg, 2025; Topic, 2025).

Sozialer Rückzug und Abhängigkeit

Häufig ziehen sich Betroffene aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Freundeskreis und Familie werden vernachlässigt oder vermieden, sei es aus Scham oder aus Loyalität zur Partner:in (Topic, 2025). Das führt dazu, dass Unterstützung fehlt und die Belastung oft noch größer wird. Oft stellt sich das Gefühl ein, niemanden mehr außer den oder die Partner:in zu haben.

Körperliche Beschwerden

Neben den psychischen Folgen treten auch körperliche Beschwerden auf, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken können. Erschöpfung, Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder andere psychosomatische Symptome sind Beispiele für häufige Begleiterscheinungen toxischer Beziehungen (Bloom, 2025).

Kann man eine toxische Beziehung retten?

Ob solch ungesunde Beziehungen veränderbar sind, lässt sich nicht pauschal beantworten. Professionelle Unterstützung, etwa durch Paartherapie oder psychologische Beratung kann dabei helfen, typische Muster sichtbarer zu machen. Beide Partner:innen müssen jedoch bereit sein, Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen, problematische Muster zu erkennen und aktiv daran zu arbeiten. Fachstellen weisen außerdem darauf hin, dass bei wiederholter emotionaler oder körperlicher Gewalt und Missbrauch besondere Vorsicht geboten ist. In solchen Fällen raten viele Expert:innen klar zur Trennung, da das Risiko weiterer Eskalationen hoch ist (Topic, 2025).

Warum ist es so schwer, toxische Beziehungen zu verlassen?

Auch wenn es von außen oft paradox wirkt, gibt es viele Gründe, warum Menschen in Beziehungen bleiben, die ihnen schaden. Rational ist meistens längst klar, dass man sich trennen sollte, emotional sieht die Lage jedoch anders aus:

Paar, das auf dem Sofa liegt, beide zur Seite schauend

Hoffnung auf Besserung

Zu Beginn der Beziehung standen Liebe und Verbundenheit im Vordergrund. Diese positiven Erinnerungen wirken oft lange nach und halten die Hoffnung aufrecht, dass es wieder so werden könnte wie früher. Verstärkt wird diese Hoffnung durch (meist nur kurz anhaltende) Hochphasen und ständige Versprechungen des Partners oder der Partnerin, dass sich alles ändern wird (Topic, 2025).

Emotionale Abhängigkeit

Dazu kommt emotionale Abhängigkeit, die oft eng mit der Angst vor dem Alleinsein verbunden ist. Diese Angst wird nicht selten durch abwertende Aussagen oder gezielte Verunsicherung seitens des Partners oder der Partnerin verstärkt. Betroffene hören dann etwa, dass sie ohne die Beziehung nicht zurechtkämen oder niemanden mehr finden würden. Solche Aussagen können das Vertrauen in die eigene Selbstständigkeit und Entscheidungsfähigkeit untergraben.

Studien zeigen, dass insbesondere der wiederholte Wechsel zwischen Idealisierung und Abwertung stark bindend wirkt. Diese Dynamik kann zu einer sogenannten traumatischen Bindung führen, bei der sich Nähe und Schmerz immer wieder abwechseln und die Beziehung trotz zunehmender Belastung als unverzichtbar erlebt wird (Day et al., 2021; Dutton & Painter, 1993; Topic, 2025). Wird zusätzlich der Kontakt zu Freund:innen oder zur Familie eingeschränkt, verstärkt sich diese Abhängigkeit weiter (Topic, 2025).

Schuldgefühle

Hinzu kommen Ängste vor möglichen Konsequenzen einer Trennung und Schuldgefühle. Viele haben ein schlechtes Gewissen und sorgen sich davor, dem Partner oder der Partnerin zu schaden, Verantwortung zu tragen oder etwas „kaputt zu machen“ (Bloom, 2025).

Gewöhnung und Anziehung durch frühere Beziehungserfahrungen

Auch frühere Beziehungserfahrungen spielen eine große Rolle. Viele Menschen fühlen sich unbewusst zu Beziehungsmustern hingezogen, die ihnen aus der Kindheit vertraut sind und empfinden diese als „normal“, auch wenn sie belasten. Was man kennt, erscheint berechenbarer als etwas Neues. So kann es passieren, dass Menschen immer wieder Partner:innen wählen, deren Verhalten alte Erfahrungen bestätigt, statt neue, gesündere Beziehungserfahrungen zu ermöglichen (Luerweg, 2025).

Wie kann man eine toxische Beziehung beenden?

Wann ist es Zeit, eine toxische Beziehung zu beenden?

Ein wichtiges Warnsignal ist, wenn die belastenden Momente überwiegen. Wenn Angst, Unsicherheit oder emotionaler Schmerz den Alltag bestimmen und eigene Grenzen immer wieder überschritten werden. Physische und emotionale Gewalt und Missbrauch dürfen niemals Teil einer Partnerschaft sein.

Tipps, um sich aus einer toxischen Beziehung zu lösen

Auch wenn es sich zunächst schwer oder sogar unmöglich anfühlen kann, gibt es Wege, sich Schritt für Schritt aus einer toxischen Beziehung zu lösen und wieder mehr Klarheit und Sicherheit zu gewinnen:

Sich Menschen anvertrauen

Ein erster wichtiger Schritt ist es, sich Personen anzuvertrauen. Menschen aus dem sozialen Umfeld wie Freund:innen oder Familie können helfen, die Lage klarer einzuordnen, emotionale Abhängigkeit zu verringern und wieder Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zu gewinnen. Außenstehende haben oft einen anderen Blick auf das Geschehen und nehmen belastende Situationen deutlicher wahr. Wenn also mehrere Personen aus dem Umfeld ähnliche Sorgen äußern, lohnt es sich, diese Einschätzungen ernst zu nehmen (Dewerne, 2022; Luerweg, 2025; Topic, 2025).

Professionelle Hilfe suchen

Professionelle Unterstützung durch Psychotherapie oder Beratungsstellen bietet einen geschützten Raum, um Beziehungsmuster zu verstehen und manipulative Dynamiken zu erkennen. Dieses Wissen hilft dabei, sich innerlich zu lösen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln (Mikulincer & Shaver, 2016).

Einige Hilfsangebote, an die man sich wenden kann, sind:

  • Frauenhelpline gegen Gewalt (anonym, kostenlos und 24 Stunden erreichbar): 0800 222 555
  • Männerinfo Krisenhelpline (anonym, kostenlos und jederzeit erreichbar): 0800 400 777
  • Rat auf Draht: 147
  • Helpchat Onlineberatung für Mädchen und Frauen
Therapiesitzung

Muster erkennen

Wichtig ist zudem, die wiederkehrenden Muster der Beziehung zu erkennen. Dazu gehört, auf Momente aufmerksam zu werden, in denen eigene Grenzen überschritten werden, Schuldgefühle entstehen oder man sich immer wieder anpasst, um Konflikte zu vermeiden. Wer versteht, welche Muster sich wiederholen und wie Manipulation oder emotionale Kontrolle funktionieren, kann Abstand gewinnen und sich langfristig lösen. Dabei kann es hilfreich sein, ein Tagebuch zu führen und so auf wiederkehrende Ereignisse und Stimmungen aufmerksam zu werden (AOK, 2022; Bloom, 2025; Luerweg, 2025).

Zukunftsperspektive und eigene Bedürfnisse wahrnehmen

Ebenso wichtig ist der Blick nach vorn: Fragen wie „Was wünsche ich mir von einer Beziehung?“, „Wie möchte ich mich fühlen?“, und „Welche Werte sind mir wichtig?“ können helfen, Orientierung zu finden und wieder mehr bei sich selbst anzukommen. Viele Betroffene haben ihre eigenen Bedürfnisse lange zurückgestellt oder kaum noch wahrgenommen. Diese wieder ernst zu nehmen ist ein zentraler Schritt, um Vertrauen in sich selbst zurückzugewinnen und langfristig neue Beziehungen zu gestalten, die stärken statt belasten (Dewere, 2022; Luerweg, 2025).

Kontaktabbruch

Wenn die Trennung erst einmal geschafft ist, ist ein konsequenter Kontaktabbruch essenziell, um emotionale Abhängigkeit endgültig zu durchbrechen und innerlich Abstand zu gewinnen. Jede Nachricht und jedes Treffen kann alte Muster aktivieren und den Ablösungsprozess erschweren. Eine konsequente „No Contact“-Regel dient dem Selbstschutz und schafft Raum, um zur Ruhe zu kommen, Gefühle zu ordnen und wieder bei sich selbst anzukommen (Bloom, 2025).

Fazit

Toxische Beziehungen sind kein persönliches Versagen. Sie entstehen aus komplexen Mustern, Unsicherheiten sowie oft lang zurückliegenden Erfahrungen. Sie können sich in unterschiedlichen Erscheinungsformen zeigen und das eigene Leben sowie das emotionale Wohlbefinden tiefgreifend belasten. Entscheidend ist, diese Dynamiken zu erkennen, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und sich Unterstützung zu holen. Auch wenn der Weg schwer ist: Veränderung und Heilung sind möglich. Sich damit auseinanderzusetzen erfordert Mut, sich zu lösen, oft noch mehr. Gleichzeitig kann genau dieser Schritt Raum für Entwicklung schaffen.

Wenn du glaubst, in einer toxischen Beziehung zu sein, bist du nicht allein. Und du darfst Hilfe in Anspruch nehmen. Es gibt Wege, sich aus belastenden Dynamiken zu befreien und Beziehungen zu gestalten, die stärken statt belasten.

Quellen

AOK. (2022). Was ist eine toxische Beziehung? https://www.aok.de/pk/magazin/familie/beziehung/was-ist-eine-toxische-beziehung-anzeichen-und-wie-sie-hilfe-finden/

Bailey, R., & Grenyer, B. F. S. (2014). Supporting a person with personality disorder: A study of carer burden and well-being. Journal of Personality Disorders, 28(6), 796–809. https://doi.org/ 10.1521/pedi_2014_28_136

Beri, R. (2024). A Study on Love Bombing, Narcissism and Emotional Abuse among Young Adults in Relationship and Situationship. International Journal of Interdisciplinary Approaches in Psychology, 2(6), 22-46.

Blinkhorn, V., Lyons, M., & Almond, L. (2015). The ultimate femme fatale? Narcissism predicts serious and aggressive sexually coercive behaviour in females. Personality and Individual Differences, 87, 219–223. https://doi.org/10.1016/j.paid.2015. 08.001

Bloom, C. (2025). Toxische Beziehung beenden: Warum es so schwer ist und wie du es schaffst. https://chrisbloom.de/blog/toxische-beziehung-beenden/

Brunell, A. B., & Campbell, W. K. (2011). Narcissism and romantic relationships. In W. K. Campbell & J. D. Miller (Eds.), The handbook of narcissism and narcissistic personality disorders: Theoretical approaches, empirical findings and treatments (pp. 344–350). John Wiley & Sons, Inc. 10.1002/9781118093108. ch30

Campbell, W. K., Foster, C. A., & Finkel, E. J. (2002). Does self-love lead to love for others?: A story of narcissistic game playing. Journal of Personality and Social Psychology, 83(2), 340–354. https://doi.org/10.1037/0022-3514.83.2.340

Day, N. J. S., Townsend, M. L., & Grenyer, B. F. S. (2021). Pathological narcissism: An analysis of interpersonal dysfunction within intimate relationships. Personality and Mental Health, 16, 204-216. doi: 10.1002/pmh.1532

Dewerne, Y. (2022). Achtung giftig: Wann sind Beziehungen toxisch und gibt es eine Möglichkeit, sie wieder zu entgiften? https://www.esquire.de/news/gesellschaft/toxische-beziehungen-warnsignale

Dutton, D.G., & Painter, S. (1993). Emotional attachments in abusive relationships: a test of traumatic bonding theory. Violence and Victims, 8(2), 105-120. PMID: 8193053.

Hazan, C., & Shaver, P. (1987). Romantic love conceptualized as an attachment process. Journal of Personality and Social Psychology, 52(3), 511–524. https://doi.org/10.1037/0022-3514.52.3.511

Luerweg, K. (2025). Toxische Beziehung. Psychologie Heute. https://www.psychologie-heute.de/beziehung/artikel-detailansicht/42593-toxische-beziehung.html

Mikulincer, M., & Shaver, P. R. (2016). Attachment in Adulthood: Structure, Dynamics, and Change (2nd ed.). New York, NY: Guilford Press.

Parship. (2021). Toxische Beziehung – wenn die Liebe giftig ist. https://www.parship.de/studien/parship-studie-toxische-beziehung-wenn-die-liebe-giftig-ist/

Rifayanti, R., Sofia, L., Purba, T. D. U., & Amanda, S. P. (2022). Phenomenological Studies: Adolescent Toxic Relationships. European Journal of Humanities and Social Sciences, 2(6), 23-29. doi: 10.24018/ejsocial.2022.2.6.337

Sweet, P. L. (2019). The sociology of gaslighting. American Sociological Review, 84(5), 851–875. https://doi.org/10.1177/0003122419874843

Tanzilli, A., Muzi, L., Ronningstam, E., & Lingiardi, V. (2017). Countertransference when working with narcissistic personal- ity disorder: An empirical investigation. Psychotherapy, 54(2), 184–194. https://doi.org/10.1037/pst0000111

Topic, M. (2025). Operationalisierung des Terminus "Toxische Beziehung" - eine explorative Studie. Medizinische Universität Wien. https://repositorium.meduniwien.ac.at/obvumwhs/content/titleinfo/11645948/full.pdf

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Reißen wir die Mauern des Schweigens gemeinsam ein und schaffen eine inklusive Gesellschaft, in der psychische und physische Erkrankungen gleichermaßen akzeptiert und unterstützt werden.

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