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ADHS -Was ist Mythos, was ist Fakt?

ADHS gilt als eines der am häufigsten diskutierten Störungsbilder, jedoch auch als eines der am meisten missverstandenen. Der Artikel vermittelt ein umfassendes Verständnis für das Störungsbild ADHS. Dafür werden die genauen Klassifikationskriterien von ADHS dargelegt, die Häufigkeiten des Störungsbildes beleuchtet und verschiedene Ansätze zur Behandlung diskutiert.

ADHS -Was ist Mythos, was ist Fakt?

Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen, welche vorwiegend unter ihrer Abkürzung ADHS bekannt sind, zählen zweifellos zu einer der meistdiskutierten Störungsbilder und gleichzeitig zu einer der meist missverstandenen. Vor allem auf Social Media kursieren unzählige Informationen über das Störungsbild. Viele beruhen dabei auf hartnäckigen Vorurteilen, Fehlinformationen oder persönlichen Meinungen.

So wird ADHS von einigen als Modekrankheit abgetan. Andere geben unzählige Ratschläge, wie am besten mit Verhaltensweisen umgegangen werden kann, die angeblich auf eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung hinweisen. Kinder mit ADHS sehen sich oft der Anschuldigung ausgesetzt, zu viel Zeit vor dem Fernseher zu verbringen, während ihren Eltern vorgeworfen wird, ihre Kinder aufgrund mangelnder Disziplin falsch zu erziehen.

Diese widersprüchlichen Ansichten erschweren, zwischen Mythos und wissenschaftlich fundiertem Erkenntnissen zu unterscheiden. Zudem macht die Fülle an Informationen es schwierig, ein gesellschaftliches Verständnis für die Herausforderungen von Betroffenen und deren Umfeld zu schaffen. So leiden viele Menschen mit ADHS stark unter den Vorurteilen.

Ziel des Artikels ist es, ein umfassendes Verständnis über das Störungsbild ADHS zu liefern.

Wie werden Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen klassifiziert?

Für eine genaue Definition und Klassifikation der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung können die international anerkannten Klassifikationssysteme ICD-11 (Internationale Klassifikation psychischer Störungen) und DSM-5 (Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen) herangezogen werden. Die beiden Systeme dienen sowohl in der Forschung als auch in der praktischen Anwendung als Grundlage für das Stellen einer Diagnose. So beinhalten sie spezifische Kriterien, woran festgelegt werden kann, ob eine psychische Störung vorliegt oder nicht. Auch helfen die Klassifikationssysteme, Störungsbilder genauer zu beschreiben und einzuordnen.

(Döpfner & Banaschewski, 2022)

ADHS als neurologisch-entwicklungsbedingte Störung

ADHS wird im ICD-11 als neurologisch-entwicklungsbedingten Störung eingestuft. Diese Kategorisierung verdeutlicht, wie eng die Entwicklung von ADHS-Symptomen mit der Reifung des Gehirns zusammenhängt.

Das Gehirn durchläuft bis zum Alter von 25 Jahren einen komplexen Reifungsprozess, bei dem sich spezifische Gehirnareale und Verbindungen der Nervenzellen entwickeln und verfeinern. Besonders in der Kindheit verändern sich die Gehirnstrukturen rasant, da in dieser Phase die Grundlagen für die kognitiven und Verhaltensfähigkeiten eines Menschen gelegt werden. Bei Kindern mit ADHS kommt es jedoch zu Abweichungen des Reifungsprozesses auf, was sich durch spezifische Verhaltensweisen äußert.

(Döpfner & Banaschewski, 2022; Gawrilow, 2016)

Aber was genau sind charakteristische Verhaltensmerkmale von ADHS?

Kernsymptome von ADHS

Die charakteristischen Verhaltensmerkmale von ADHS lassen sich in drei Hauptbereiche unterteilen:

  1. Störung der Aufmerksamkeit
  2. Übermäßiges, motorisches Aktivitätsniveau
  3. Störung der Impulsivität

Jedoch ist wichtig anzumerken, dass jedes Kind unterschiedliche Entwicklungsschritte durchläuft und unaufmerksames, hyperaktives und impulsives Verhalten in spezifischen Entwicklungsphasen als ganz normal angesehen wird. Treten die 3 Kernsymptome jedoch in stark ausgeprägter Form auf, wodurch das Kind in verschiedenen Lebensbereichen erheblich beeinträchtigt wird, könnte eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung vorliegen.

Zudem muss beachtet werden, dass die Kernsymptome bei jeder betroffenen Person unterschiedlich stark ausgeprägt und von dem situativen Kontext abhängig sind.

(Heinrichs & Lohaus, 2020)

Aufmerksamkeitsstörungen

Ein Hauptmerkmal von ADHS stellt die Schwierigkeit, seine Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten, dar. So tendieren Menschen mit ADHS dazu, Aufgaben frühzeitig zu beenden, insbesondere wenn es sich um kognitive oder von außen vorgegebene Verpflichtungen handelt. Zudem wechseln Betroffene oft zwischen verschiedenen Aufgaben und werden leicht abgelenkt. Außerdem beachten sie häufig bestimmte Details nicht und es unterlaufen ihnen vermehrt Flüchtigkeitsfehler.

Die Unaufmerksamkeit kann dabei als Ausdruck eines eingeschränkten Vermögens zur Selbstregulation gesehen werden. Zudem empfinden Personen mit ADHS die externe Kontrolle über die Aufgabe als überfordernd, wodurch ihre Aufmerksamkeitsspanne zusätzlich negativ beeinträchtigt wird.

(Petermann, 2013)

Übermäßiges, motorisches Aktivitätsniveau

Als zweites Kernsymptom ist ein übermäßiger Drang zu körperlicher Bewegung zu nennen. So sind Menschen mit ADHS hyperaktiv.

Vor allem Kinder mit ADHS haben Schwierigkeiten, ihren körperlichen Bewegungsdrang zu kontrollieren, wodurch es zu Verhaltensauffälligkeiten kommt.

So kann beobachtet werden, wie betroffene Kinder in Momenten intensiver motorischer Unruhe nervös mit ihren Händen oder Füßen zappeln oder sich auf ihrem Sitz hin und her bewegen. Ihre Unruhe zeigt sich auch in ständigem Spielen mit ihren Fingern, beispielsweise an ihrer Kleidung oder an anderen Gegenständen in ihrer Umgebung.

Besonders auffällig wird dieses unruhige Verhalten in Situationen, in denen sich Kinder eigentlich still verhalten sollten (z. B. während des Unterrichts oder beim gemeinsamen Abendessen).

Die motorische Hyperaktivität von Kindern mit ADHS geht dabei über eine normale kindliche Unruhe hinaus und wirkt sich häufig negativ auf den normalen Ablauf von schulischen oder sozialen Aktivitäten. So fällt es Kindern mit ADHS oft schwer, sich an soziale Erwartungen anzupassen.

(Heinrichs & Lohaus, 2020)

Störung der Impulsivität

Das dritte Hauptsymptom bezieht sich auf eine Auffälligkeit in der Impulsivität. Diese zeigt sich einerseits auf kognitiver und andererseits auf motivationaler Ebene.

Auf kognitiver Ebene äußert sich die unzureichende Impulskontrolle dadurch, dass Handlungen häufig spontan ohne ausreichende Überlegung oder Abwägung der Konsequenzen ausgeführt werden. So treffen Personen mit ADHS Entscheidungen oft überstürzt, ohne alle relevanten Informationen zu berücksichtigen, was häufig zu unerwünschten Ergebnissen führt.

Auf motivationaler Ebene bezieht sich die beeinträchtigte Impulskontrolle auf die Unfähigkeit, Bedürfnisse oder Belohnungen aufzuschieben. So haben betroffene Personen Schwierigkeiten, kurzfristige Befriedigung gegen langfristige Ziele abzuwägen. Sie neigen dazu, impulsiv zu handeln, um eine sofortige Befriedigung zu erhalten, auch wenn diese langfristig negative Konsequenzen haben. Diese Impulsivität führt dazu, dass Menschen mit ADHS häufig Schwierigkeiten haben, langfristige Ziele zu erreichen.

(Petermann, 2013)

Wie kommt die Diagnose ADHS zustande?

Nachdem nun geklärt wurde, welche Verhaltensmerkmale charakteristisch für Personen mit ADHS sind, stellt sich jedoch die Frage, bis zu welchem Punkt Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität als normal angesehen werden und ab wann genau von einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung gesprochen wird?

Für die Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung spielen drei Aspekte eine zentrale Rolle. Im DSM-11 und ICD-5 sind für diese Aspekte klare Kriterien festgelegt, welche bei einer ADHS vorliegen müssen.

(Döpfner & Banaschewski, 2022; Gawrilow, 2016; Heinrichs & Lohaus, 2020)

Zeitlicher Aspekt

Öffentlich herrscht oft Unklarheit über die zeitlichen Aspekte einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Fragen wie „Kommt ADHS nur bei Kindern und Jugendlichen vor? Können die Symptome auch erst im Erwachsenenalter auftreten? Können die Symptome vollständig behandelt werden?“ werden häufig gestellt.

Laut ICD-11 müssen ADHS-Symptome im frühen bis mittleren Kindesalter auftreten. Typischerweise manifestieren sie sich vor dem siebten Lebensjahr. Diese Symptome müssen mindestens über einen Zeitraum von sechs Monaten bestehen. So soll sichergestellt werden, dass es sich nicht um entwicklungsphasenbedingte Auffälligkeiten handelt.

Eine Diagnose von ADHS im Erwachsenenalter ist daher nur retrospektiv möglich. Die Symptome müssen bereits in der Kindheit aufgetreten sein.

ADHS ist im Vergleich zu anderen psychischen Störungen zeitlich sehr stabil. So bleiben die Symptome oft bis ins Erwachsenenalter bestehen, auch wenn sich der Schwerpunkt der Symptomatik meist verschiebt. Insbesondere die Hyperaktivität und Impulsivität gehen im Jugendalter zurück, wobei bei 85 % der Jugendlichen die Diagnosekriterien weiterhin erfüllt werden. Die Veränderung der Symptomatik über die Lebensspanne hinweg ist besonders wichtig bei der Auswahl angemessener Behandlungsmethoden wichtig und muss hierbei immer berücksichtigt werden.

(Heinrich & Lohaus, 2020; Petermann, 2013)

Situative Aspekte

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der bei der Diagnose von ADHS berücksichtigt werden muss, ist, dass die Symptome situationsübergreifend vorkommen. Laut ICD-11 müssen sich die Symptome in mindestens zwei verschiedenen Lebensbereichen zeigen. Die Symptome dürfen also nicht nur in der Schule oder zu Hause, sondern in verschiedenen Lebenskontexten erkennbar sein.

Jedoch können die Symptome in verschiedenen Umgebungen oder Aktivitäten unterschiedlich stark auftreten. Beispielsweise können die Symptome bei einem Kind in der Schule sehr auffällig sein, während sie zu Hause weniger ausgeprägt sind. Insbesondere in neuen Umgebungen sind typische ADHS-Verhaltensweisen wenig ausgeprägt.

(Heinrich & Lohaus, 2020)

Intensität

Auch die Intensität der Symptome muss bei der Diagnose berücksichtigt werden. Sie müssen deutlich stärker ausgeprägt sein als bei Gleichaltrigen mit ähnlicher Intelligenz. Außerdem darf keine generelle Intelligenzminderung vorliegen. Zudem ist es wichtig, eine klare Abgrenzung zur entwicklungsbedingten Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität vorzunehmen, um eine genaue Diagnose zu gewährleisten.

(Heinrich & Lohaus, 2020)

Wie wird eine ADHS Diagnose gestellt?

Das Aufstellen einer ADHS-Diagnose erfolgt durch eine sorgfältige Untersuchung, die verschiedene Schritte erfasst.

Zunächst soll das Verhalten der Kinder durch deren enge Kontaktpersonen (insbesondere Eltern, Erzieher:innen und Lehrer:innen), aber auch durch die Kinder selbst beschrieben werden.

Die Beschreibung auffälliger Verhaltensweisen kann meist von Kontaktpersonen valide wiedergegeben werden, während die Perspektive der betroffenen Kinder besonders wichtig ist, um deren innere Gefühlslage zu erfassen.

Anschließend erfolgt eine Verhaltensanalyse. Zudem werden zahlreiche Tests, einschließlich Intelligenz-, Leistungs- und Entwicklungsdiagnostik sowie eine körperliche Untersuchung, durchgeführt, um andere Ursachen auszuschließen.

Eine genaue Diagnose ist entscheidend, um die bestmögliche Behandlungsmethode für die Symptomatik auszuwählen. Da das Störungsbild ADHS vielfältige Symptome aufweist, wurden im ICD-11 Subkategorien aufgestellt, um eine spezifischere Diagnose zu ermöglichen.

  1. Vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild
  2. Vorwiegend hyperaktives – impulsives Erscheinungsbild
  3. Gemischtes Erscheinungsbild

Das Hauptziel der Intervention ist, den Leidensdruck der Betroffenen zu reduzieren. So ist umso wichtiger, genau zu erfassen, in welchen Bereichen für die Person Probleme auftreten. Auch muss die Behandlung dauerhaft überprüft und angepasst werden.

(Döpfner et al., 2013; Döpfner & Banaschewski, 2022)

Wie häufig tritt das Störungsbild auf?

Aktuelle Zahlen

ADHS ist eine der vier häufigsten Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Laut Angaben des Robert Koch-Instituts betrug die Prävalenz von ADHS in Deutschland im Jahr 2022 etwa 4,4 % bei Kindern im Alter von 3 bis 17 Jahren.

Jungen sind dabei etwa dreimal häufiger von ADHS betroffen als Mädchen. Allerdings zeigen Mädchen, die von ADHS betroffen sind, eher ein unaufmerksames Verhalten als ein hyperaktives, was bedeutet, dass die Symptome möglicherweise weniger offensichtlich sind und häufig nicht diagnostiziert werden.

Zudem muss angeführt werden, dass es viele öffentliche Kontroversen und Unsicherheiten über die Häufigkeit von ADHS gibt.

(Gawrilow, 2016; Robert Koch-Institut, 2022)

Kontroversen bei der Feststellung von ADHS

Die Diagnose von ADHS bei Kindern und Jugendlichen ist mit vielen Herausforderungen verbunden.

Einerseits ist sehr schwierig, Verhaltensauffälligkeiten bezogen auf Aufmerksamkeit, Aktivität und Impulsivität von entwicklungsphasenbedingten Verhaltensweisen abzugrenzen, besonders da sich die Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS je nach Alter und Entwicklungsphase verändern.

Andererseits muss berücksichtigt werden, dass ADHS-Diagnosen meistens auf Verhaltensberichten von Kontaktpersonen, also hauptsächlich von den Eltern und von den Erzieher:innen oder Lehrkräften, der betroffenen Kinder und Jugendlichen basieren.

Insbesondere Lehrer:innen neigen dabei zu einem Überdiagnostizieren von ADHS. So haben Umfragen ergeben, dass Lehrkräfte durchschnittlich die Prävalenz von ADHS bei 12 % schätzen und somit deutlich über den offiziellen Prävalenzschätzungen liegen. Als Ursache für diese Fehleinschätzungen sind vornehmlich Wissensmängeln seitens der Lehrer:innen zu nennen. So herrscht in vielen Schulen ein sehr stereotypes Bild über ADHS und ein mangelndes Verständnis der Ursachen und Aufrechterhaltung der Störung.

Ein weiteres Problem bei dem Aufstellen einer ADHS-Diagnose ist, dass sich häufig die unterschiedlichen Kontaktpersonen in ihren Beschreibungen widersprechen.

Auch die Berichte der betroffenen Kinder sind oft nicht besonders aussagekräftig, da sie aufgrund ihres Entwicklungsstands, ihrer mangelnden Konzentrationsfähigkeit und ihres geringen Sprachvermögens mit der Interviewsituation überfordert sind.

Ein weiterer Kritikpunkt an der Zuverlässigkeit von ADHS-Diagnosen stellen die deutlichen Geschlechtsunterschiede dar. Das zeigt unter anderem eine Studie von Bruchmüller, Margraf und Schneider aus dem Jahr 2012. In dieser wurden Psychotherapeut:innen in Deutschland eine Beschreibung eines Falles geschickt. Die eine Hälfte erhielten eine Fallbeschreibung eines Jungen, die andere eines Mädchens. Inhaltlich unterschieden die Beschreibungen sich nicht. Das Ergebnis zeigte, dass bei der Fallbeschreibung des Jungen achtmal häufiger eine ADHS diagnostiziert wurde.

Diese Kontroversen in der Diagnostik von ADHS zeigen, dass gesellschaftlich noch viel Unklarheit über das Störungsbild ADHS und dessen Häufigkeit herrscht und es weitere Aufklärung, insbesondere an Schulen, bedarf.

(Gawrilow, 2016; Ruhmland & Christiansen, 2017; Sciutto et al., 2000)

Was sind die Ursachen von ADHS?

Auch über die genauen Ursachen von Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen herrscht viel Unklarheit und die sind Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Debatten. Ein Konsens herrscht jedoch darüber, dass das Störungsbild durch eine Vielzahl von Faktoren bedingt ist, welche die Entstehung und den Verlauf der Störungen wechselseitig beeinflussen. Im Folgenden werden die Hauptfaktoren von ADHS näher erläutert.

(Hoyer & Knappe, 2020)

Genetische Veranlagung

Dass eine genetische Veranlagung bei der Entstehung von ADHS eine zentrale Rolle spielt, wurde durch zahlreiche Adoptions- und Zwillingsstudien umfassend bestätigt.

So wurde in einer Metastudie basierend auf 30 unabhängigen Zwillingsstudien erfasst, dass die Veranlagung für ADHS durchschnittlich von 70 bis 80 % durch die Gene beeinflusst wird. Diese Werte sind dabei vergleichbar mit der Erblichkeit der Körpergröße.

Obwohl genetische Faktoren einen sehr starken Einfluss haben, kann die Entstehung von ADHS nicht auf ein einzelnes Gen zurückgeführt werden. Vielmehr stellt sie das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Gene dar, die für die Regulation von Neurotransmittern – insbesondere Dopamin und Noradrenalin – zuständig sind. Bei Neurotransmittern handelt es sich um Botenstoffe, deren Hauptaufgabe es ist, spezifische Bereiche des Gehirns zu aktivieren und zu koordinieren. Dopamin und Noradrenalin sind dabei verantwortlich für die Regulation von Motivation, Aufmerksamkeit und Belohnungsgefühlen.

Wichtig ist jedoch zu betonen, dass eine genetische Veranlagung nicht zwangsläufig zu einer Entwicklung von ADHS-Symptomen führt. So entwickelt sich die Störung meist erst, wenn genetische Faktoren mit Umweltfaktoren interagieren.

(Banaschewski et al., 2022; Kebir & Joober, 2011; Millenet et al., 2013)

Biologische Grundlage

Auch die biologische Grundlage einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ist wissenschaftlich gut fundiert.

(Heinrichs & Lohaus, 2020)

Auffälligkeiten in der Signalübertragung der Nervenzellen

Zahlreichen EEG-Studien, in welchen die Gehirnaktivität von Personen mit und ohne eine ADHS gegenübergestellt wurden, zeigten, dass betroffene Personen bei einem erhöhten Aktivitätsniveau neuronale Signale langsamer weiterleiten. Dies lässt auf eine erhöhte Unaufmerksamkeit und beeinträchtige Reizorientierung schließen. So haben Personen mit ADHS Schwierigkeiten, sich auf spezifische Informationen und Reize aus ihrer Umwelt zu konzentrieren.

(Kebir & Joober, 2011; Millenet et al., 2013)

Gestörter Informationsaustausch zwischen Frontalhirn und Basalganglien

Auch haben Studien gezeigt, dass bei Personen mit ADHS Informationen zwischen dem Frontalhirn und den Basalganglien nicht angemessen übertragen werden.

Bei dem Frontalhirn und den Basalganglien handelt es sich um wichtige Gehirnareale.

Das Frontalhirn kann als Kontrollzentrum unseres Verhaltens gesehen werden und ist insbesondere für die Impulskontrolle und die Steuerung komplexer kognitiver Aufgaben und von Reaktionen in sozialen Situationen zuständig. Die Basalganglien sind primär für die Regulation und Koordination motorsicher Bewegungen und komplexer kognitiver Aufgaben verantwortlich. Die gestörte Interaktion der beiden Gehirnareale hat dabei erhebliche Einflüsse auf die Ausführung von kognitiven Prozessen. 

Schwierigkeiten in der Impulskontrolle und bei der Regulation angemessener Reaktionen auf Umgebungsreize können auf den gestörten Informationsaustausch der beiden Gehirnareale zurückgeführt werden.

(Heinrichs & Lohaus, 2020, Kebir & Joober, 2011; Millenet et al., 2013)

Beeinträchtigung der exekutiven Funktionen

ADHS-Symptome werden zudem mit einer Entwicklungsverzögerung der exekutiven Funktionen, die für die Steuerung von komplexen kognitiven Prozessen verantwortlich sind, verbunden. So haben Studien gezeigt, dass viele Kinder mit ADHS bei der Entwicklung exekutiver Funktionen im Vergleich zu ihrer jeweiligen Altersgruppe langsamer sind.

Aber was genau sind exekutive Funktionen?

Exekutive Funktionen umfassen eine Vielzahl an kognitiven Prozessen, die für eine adäquate Anpassung unseres Verhaltens an spezifische Umgebungen zuständig sind. Zu den Grundbausteinen der exekutiven Funktionen zählt zum einen die kognitive Flexibilität, also die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit flexibel auf relevante Informationen zu lenken und die Perspektive anderer einzunehmen. Zum anderen werden das Unterdrücken von Verhaltensimpulsen und das Arbeitsgedächtnis, welches für die Weiterverarbeitung von Umweltreizen verantwortlich ist, als Grundbausteine angesehen.

Die Steuerung dieser kognitiven Prozesse erfolgt hauptsächlich durch das Frontalhirn. So kann der beeinträchtigte Informationsaustausch zwischen dem Frontalhirn und den Basalganglien als mögliche Ursache für die Einschränkungen in den exekutiven Funktionen gesehen werden. Zudem reift das Frontalhirn bis zum Alter von 25 Jahren aus, was erklärt, warum Menschen mit ADHS besonders in ihrer Kindheit und Jugend Verhaltensauffälligkeit zeigen.

Die exekutiven Funktionen sind insbesondere im schulischen Kontext von großer Relevanz. So sind sie für eine erfolgreiche Schullaufbahn ebenso entscheidend wie Intelligenz. Entwicklungsverzögerungen der exekutiven Funktionen stellen dabei einen Erklärungsansatz dar, warum Kinder mit ADHS besonders in der Schule Schwierigkeiten haben und negative soziale Konsequenzen erfahren.

Jedoch muss beachtet werden, dass bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS zwar häufig Entwicklungsverzögerungen in den exekutiven Funktionen beobachtet werden können, diese aber keine ausschlaggebenden Kriterien für eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung darstellen.

(Miyake et al., 2000; Davidson et al., 2006)

Gefahr der Überbewertung des neurobiologischen Ursprungs

ADHS-Symptome ergeben sich aus einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

Die biologische Grundlage und genetische Veranlagung spielen dabei eine ausschlaggebende Rolle und müssen für ein umfassendes Verständnis des Störungsbildes immer berücksichtigt werden. Jedoch dürfen die Symptome nicht allein auf einen biologischen, genetisch bedingten Ursprung zurückgeführt werden.

So werden die spezifischen neuronalen Strukturen, die ADHS-Symptome begünstigen, sowohl von genetischen als auch von Umweltfaktoren beeinflusst. Außerdem stellen bestimmte biologische Merkmale allein keine zuverlässigen Indikatoren für eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung dar, sondern erhöhen lediglich das Risiko für die Entwicklung von ADHS-Symptomen.

Folglich müssen ADHS-Symptome immer als Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen genetischen, biologischen und Umweltfaktoren gesehen werden.

(Hoyer & Knappe, 2020)

Umweltfaktoren

Umweltfaktoren stellen keine primären Faktoren bei der Entstehung von ADHS dar. Jedoch haben sie einen starken Einfluss auf den Verlauf, die Dauer und den Schweregrad der Symptome und können als Verstärker der neurobiologischen Faktoren und genetischen Veranlagung gesehen werden.

(Petermann, 2013)

Pränatale Faktoren

Bereits während der Schwangerschaft können verschiedene Umwelteinflüsse die Entwicklung von ADHS-Symptomen des ungeborenen Kindes begünstigen. So kann die Exposition gegenüber schädlichen Substanzen, unter anderem Alkohol, Nikotin oder bestimmte Medikamente, das Risiko für die Entwicklung von ADHS erhöhen. Da die neuronale Entwicklung des Fötus beeinträchtigt wird. Auch bei Frühgeburten ist das Risiko, ein Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörung zu entwickeln, erhöht.

(Gawrilow, 2016)

Postnatale Faktoren

Insbesondere familiäre Konflikte und stressige Lebensereignisse können das Risiko für eine ADHS erhöhen oder die vorhandenen Symptome verstärken. So bildet eine genetische Veranlagung die Grundlage für die Entstehung einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, jedoch können belastende Familienverhältnisse oder Lebensereignisse dazu bei, dass sich die spezifischen Verhaltenssymptome einer ADHS entwickeln und sich verschlimmern.

Außerdem können die ADHS-Symptome zu Problemen in der Interaktion mit Eltern, Geschwistern, Lehrer:innen und Freund:innen führen, wodurch die Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität von betroffenen Personen wiederum verstärkt werden. Hierbei spielt die genetische Veranlagung eine Hauptrolle als Ursache für ADHS.

In den letzten Jahren sind verschiedene Umwelteinflüsse in den Fokus gerückt, die mit ADHS in Verbindung gebracht werden. Insbesondere wurden allergische Reaktionen auf bestimmte Zusatzstoffe in der Nahrung wie Farbstoffe, Konservierungsstoffe, Zucker und Phosphate untersucht. Bisher konnte jedoch keine empirische Studie den Verdacht erhärten, dass Nahrungsmittelzusätze jeglicher Art die Ursache für die Entwicklung von ADHS sind.

(Gawrilow, 2016; Hoyer & Knappe, 2020; Petermann, 2013)

Negativspiralen in der Eltern-Kind-Interaktion

Besonders eine negative Eltern-Kind-Interaktion kann die ADHS-Symptome bei jüngeren Kindern verstärken. So ist die Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität eines Kindes mit ADHS für die Eltern häufig mit einer Reihe an alltäglichen Herausforderungen verbunden. Oft versuchen Eltern, die problematischen Verhaltensweisen ihres Kindes durch Bestrafung zu kontrollieren. Dies wirkt sich jedoch meist negativ auf das Verhalten des Kindes aus und es entsteht in eine Art Teufelskreis: Das Kind zeigt problematische Verhaltensweisen, wird bestraft, reagiert impulsiv darauf, und der Konflikt zwischen Eltern und Kind verschärft sich, was sich wiederum negativ auf das Verhalten des Kindes auswirkt...

Ein Lösungsansatz für diese Negativspirale stellen Elterntrainings. Hier lernen Eltern, wie sie mit den problematischen Verhaltensweisen ihres Kindes umgehen können. Ziel der Intervention ist es, Strategien zu entwickeln, um das Verhalten des Kindes positiv zu beeinflussen und die Kommunikation zwischen Eltern und Kind zu verbessern. Vor allem der gezielte Einsatz von Lob spielt bei Elterntrainings eine zentrale Rolle.

(Gawrilow, 2016; Hoyer & Knappe, 2020)

ADHS in der Schule

Besonders in der Schule haben Kinder und Jugendliche mit ADHS Probleme.

Auf der einen Seite stellt das Fertigstellen von Aufgaben eine echte Herausforderung. Auf der anderen Seite weisen sie häufig Konzentrationsschwierigkeiten im Unterricht auf. Dies wirkt sich wiederum negativ auf die schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen mit ADHS auf. Zusätzlich werden sie mit sozialen Konsequenzen konfrontiert. So nehmen ihre Lehrer:innen ihr Verhalten oft negativ wahr, und auch innerhalb der Klassengemeinschaft werden sie aufgrund ihrer auffälligen Art oft ausgeschlossen. Diese soziale Ablehnung hat wiederum erhebliche Auswirkungen auf ihr Selbstwertgefühl.

Zudem zeigt sich die motorische Unruhe von Kindern und Jugendlichen mit ADHS insbesondere in Situationen, in denen von ihnen erwartet wird, ruhig zu sitzen. So verhalten sich Betroffene während des Unterrichts häufig verstärkt hyperaktiv.

Die negativen Interaktionen mit Lehrer:innen und Mitschüler:innen können die Symptome weiter verstärken und sogar zu zusätzlichen psychischen Problemen führen. So entwickeln Kinder und Jugendliche mit ADHS häufig während ihrer Schulzeit eine Störung des Sozialverhaltens oder Lernstörungen.

So ist vorwiegend in einem schulischen Kontext entscheidend, dass mehr über eine ADHS gesprochen und aufgeklärt wird. Zudem muss auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen mit ADHS eingegangen werden, damit sie angemessene Ressourcen erhalten, um ihre Schullaufbahn erfolgreich abzuschließen.

(Heinrich & Lohaus,2020; Petermann, 2013)

Umweltfaktoren als positiver Einflussfaktor

Zwar wurden jetzt lange die negativen Einflüsse, die die Umgebung auf eine Person mit ADHS haben kann, dargelegt. Jedoch können Umweltfaktoren auch eine positive Auswirkung auf die Symptome von ADHS haben und zu deren Milderung beitragen.

So können insbesondere ein unterstützendes soziales Umfeld, klare Strukturen und eine positive Erziehung zur Milderung der Symptome von ADHS beitragen.

Eine positive Umgebung, die auf die spezifischen Bedürfnisse von Personen mit ADHS eingeht, kann den Schweregrad der Symptome reduzieren und deren Lebensqualität verbessern.

So sind frühzeitige Interventionen, effektive schulische Unterstützung und ein verständnisvolles soziales Umfeld entscheidend, um Kindern und Jugendlichen mit ADHS zu helfen, mit den Herausforderungen des Störungsbildes umzugehen.

(Gawrilow, 2016)

Wie können Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörungen behandelt werden?

Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen zählen zu den zeitlich stabilsten Störungen, die häufig auch im Erwachsenenalter bestehen bleiben.

Das Auftreten dieser Störungen vorzubeugen ist äußerst schwierig, jedoch können gezielte Interventionen die Lebensqualität von betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen verbessern.

Bei der Behandlung von ADHS ist es wichtig, einen langfristigen Blick auf den Verlauf zu haben. So kann als zentrales Ziel der Intervention gesehen werden, positiv auf den Entwicklungsverlauf einzuwirken.

Zudem sollen Folgeproblemen vorgebeugt werden.

So erhöht eine ADHS-Vorgeschichte das Risiko für verschiedene negative Auswirkungen im späteren Leben. Dazu gehören ein erhöhtes Risiko für Drogenmissbrauch, das Verursachen von Autounfällen, eine geringere Chance, seinen Schulabschluss zu erreichen, sowie ein gesteigertes Risiko, Minderwertigkeitsgefühle zu entwickeln und sozial nicht akzeptiert zu werden.

Auch entwickeln Kinder und Jugendliche mit ADHS ohne eine angemessene Intervention häufig Verhaltensauffälligkeiten, die zu einer Störung des Sozialverhaltens führen können.

(Döpfner et al., 2013; Petermann, 2013)

Überblick über die verschiedenen Behandlungsmethoden

Aufgrund der Vielschichtigkeit des Störungsbildes und der unterschiedlichen Verhaltensauffälligkeiten in verschiedenen Lebensbereichen gibt es keine einheitliche therapeutische Vorgehensweise. Stattdessen wird ein multimodales therapeutisches Vorgehen empfohlen, das verschiedene Ansätze kombiniert, um den individuellen Bedürfnissen von Menschen mit ADHS gerecht zu werden.

Dieser Behandlungsansatz hat sich als sehr effektiv erwiesen, da das Störungsbild ganzheitlich betrachtet und auf verschiedene Aspekte der Symptomatik eingegangen wird.

Zu den verschiedenen Therapieansätzen, welche für die Behandlung der Symptomatik der ADHS gewählt werden, gehören Psychotherapie, Psychoedukation, psychosoziale Interventionen und Pharmakotherapie.

Die Psychotherapie zielt darauf ab, Personen mit ADHS zu helfen, mit ihren Symptomen umzugehen, Strategien zur Selbstregulierung zu entwickeln und mögliche psychische Belastungen zu bewältigen.

Die Psychoedukation beinhaltet die Vermittlung von Wissen über eine ADHS, ihre Symptome und ihre Auswirkungen auf das tägliche Leben. Dadurch sollen sowohl die Betroffenen als auch ihre Familien besser verstehen, wie sie mit einer ADHS umgehen können und welche Bewältigungsstrategien ihnen zur Verfügung stehen.

Psychosoziale Interventionen, wie Elterntrainings, können den Bezugspersonen der Betroffenen helfen, effektive Strategien zu erlernen und den Umgang mit dem Verhalten des Kindes oder Jugendlichen zu verbessern. So ist Ziel der psychosozialen Intervention, die positive Beziehung von Personen mit ADHS zu stärken und gleichzeitig dem nahen Umfeld den Umgang mit Personen mit ADHS zu erleichtern.

In spezifischen Fällen kann auch eine Pharmakotherapie in Betracht gezogen werden, insbesondere wenn die Symptome der ADHS schwerwiegend sind und das tägliche Leben des Betroffenen stark beeinträchtigen. Die medikamentöse Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu reduzieren und die Konzentration sowie das Selbstmanagement zu verbessern.

(Petermann, 2013)

Verhaltenstherapie als Standardverfahren

Verhaltenstherapien können in der Behandlung von ADHS-Symptomen als Standardverfahren gesehen werden. Hauptziel dieses psychotherapeutischen Ansatzes ist, spezifische Strategien für einen besseren Umgang mit den Symptomen einer ADHS umgehen zu können.

Aber wie wird dabei konkret vorgegangen?

Zu Beginn der Therapie werden klare Therapieziele formuliert, die darauf abzielen, die für eine ADHS charakteristischen Verhaltensweisen zu ändern. Im Rahmen der Therapie werden gezielte Strategien entwickelt, durch welche das festgelegte Therapieziel erreicht werden kann.

In der Behandlung von ADHS-Symptomen können verschiedene Ziele und Strategien angestrebt werden. Die Auswahl des Ziels orientiert sich nach den spezifischen Bedürfnissen der betroffenen Person.

(Döpfner et al., 2013; Gawrilow, 2016)

Ziele der Verhaltenstherapie

Als ein Ziel der Verhaltenstherapie ist Stärkung des Selbstvertrauens der betroffenen Person zu nennen. Hierbei wird im Rahmen der Therapie ein positives Selbstkonzept erarbeitet.

Ein weiteres Ziel stellt die Verbesserung der Selbstregulation und Konzentrationsfähigkeit dar. Hierbei werden gezielte Übungen zur Verbesserung dieser Fähigkeiten durchgeführt.

Auch die Entwicklung von Strategien zur Selbstorganisation und Selbstkontrolle, die der betroffenen Person helfen sollen, ihre täglichen Aufgaben effektiver zu bewältigen, ist ein Therapieziel der Verhaltenstherapie.

Bei Kindern und Jugendlichen stellen auch die Förderung effektiver Lern- und Arbeitsmethoden ein Ziel dar, um Kinder und Jugendliche mit ADHS bei schulischen Anforderungen zu unterstützen.

Außerdem können soziale Kompetenztrainings Ziel der Verhaltenstherapie sein. Dabei steht die Verbesserung sozialer Fähigkeiten im Fokus.

(Gawrilow, 2016)

Umfeldzentrierte Intervention

Um nachhaltige Veränderungen im Umgang mit ADHS-Symptomen zu erzielen, ist der Einbezug des sozialen Umfelds der betroffenen Person essenziell.

Die umfeldzentrierte Intervention der Verhaltenstherapie zielt darauf ab, die dysfunktionalen Interaktionsmuster zwischen der Person mit ADHS und seinen wichtigsten Bezugspersonen zu verbessern.

In der Familie können dies unter anderem Strategien zur Verbesserung der Kommunikation und zur Stärkung des familiären Zusammenhalts sein.

Schulische Interventionen wiederum konzentrieren sich darauf, Lehrer:innen und Schüler:innen dabei zu unterstützen, ein besseres Verständnis für ADHS zu entwickeln und angemessen damit umzugehen.

Durch diese umfassende Herangehensweise wird nicht nur die Lebensqualität der Personen mit ADHS, sondern auch die deren gesamtes soziales Umfeld positiv beeinflusst.

(Gawrilow, 2016)

Der Einsatz von Medikamenten

Zunächst muss betont werden, dass Psychopharmaka im Umgang mit Kindern und Jugendlichen niemals Vorrang haben, da für die meisten Substanzen wenig über ihre Langzeitwirkungen bekannt sind. So wird der Einsatz von Medikamenten im Rahmen einer Pharmakotherapie bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS nur in bestimmten Situationen und unter bestimmten Bedingungen in Betracht gezogen.

Medikamente werden in Situationen eingesetzt, in denen die Symptome von ADHS besonders ausgeprägt sind und der Alltag des Kindes und des Jugendlichen stark eingeschränkt wird. Vor allem, wenn das Kind oder der Jugendliche durch sein Verhalten akut gefährdet wird oder gravierende Folgeschäden entstehen könnten, wird auf Psychopharmaka zurückgegriffen.

Ein weiterer Fall, bei welchem eine Pharmakotherapie eingesetzt wird, ist, wenn ADHS in Kombination mit anderen psychischen Störungsbilder auftreten.

Auch wird auf eine medikamentöse Behandlung zurückgegriffen, wenn alternative, nicht medikamentöse Behandlungsmethoden als unzureichend erachtet werden.

Außerdem muss beachtet werden, dass Psychopharmaka nur für kurzfristige Symptomreduktion gewählt werden sollten, um eine günstige Ausgangslage für eine Psychotherapie zu schaffen.

Bei der Behandlung von Kindern mit ADHS werden Psychopharmaka in der Regel erst ab einem Alter von 6 Jahren und ausschließlich unter medizinischer Aufsicht eingesetzt.

Die Entscheidung für eine Pharmakotherapie muss immer sorgfältig abgewogen, stets evaluiert und auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes abgestimmt werden. Ziel sollte immer sein, das Wohl der betroffenen Person zu fördern.

(Döpfner et al., 2013; Petermann, 2013)

Welche Medikamente werden eingesetzt?

Zur Behandlung von ADHS haben sich Stimulanzien als bevorzugte Wirkstoffgruppe etabliert.

Insbesondere Methylphenidat, welches primär seinem Handelsnamen Ritalin bekannt ist, wird zur Behandlung von ADHS eingesetzt.

Aber wie genau wirkt das Medikament? Stimulanzien lösen die Ausschüttung von Dopamin und Noradrenalin aus, welche bei Personen mit ADHS gehemmt ist, wodurch die Aufmerksamkeit und das Konzentrationsvermögen erhöht werden.

Die Wirksamkeit der Stimulanzientherapie ist besonders hoch. So ergaben Metastudien, dass ca. 70 % der betroffenen Personen eine unmittelbare Wirkung des Medikaments spürten und eine signifikante Verbesserung der Kernsymptome von ADHS erlebten.

(Petermann, 2013)

Kontroversen um Pharmakotherapie

Der Einsatz von Psychopharmaka zur Reduktion von ADHS-Symptomen wird in der Forschung stark diskutiert.

In der Debatte der Wirksamkeitsforschung bei ADHS haben vor allem zwei Meta-Analysen für Aufsehen gesorgt.

Die Analyse von Sonuga-Barke et al. untersuchte 64 Studien zur Wirksamkeit von Behandlungen von ADHS. Die Ergebnisse zeigten, dass, wenn die untersuchten Personen nicht wussten, ob es sich bei der Behandlung um das tatsächliche Medikament oder ein Placebo handelte, keine signifikanten Verhaltensveränderungen durch das Medikament erzielt wurden.

Eine zweite Meta-Analyse, durchgeführt von Storebø et al. im Jahr 2016, wertete 185 Studien zur Wirksamkeit von Methylphenidat aus. Die Ergebnisse zeigten nur geringe Effekte auf die Kernsymptomatik von ADHS. Gleichzeitig wurden starke Nebenwirkungen, insbesondere Schlafprobleme und Appetitlosigkeit, festgestellt. Die Autoren übten zudem große Kritik über den Einsatz von Psychopharmaka im Umgang mit ADHS aus. Dabei beanstandeten sie, dass die Wirksamkeit der Medikamente von Außenstehenden häufig an den Nebenwirkungen festgemacht wird. Auch fügten sie an, dass die starken Nebenwirkungen auch als Ursache des gehemmten Verhaltens der Personen mit ADHS gesehen werden können.

(Sonuga-Barke et al., 2013; Storebø et al., 2016; Petermann, 2013)

Welche Behandlung ist im Umgang mit ADHS-Symptomen am geeignetsten?

Die Frage „Welche Behandlungsstrategie im Umgang mit ADHS am effektivsten ist?“ wird in der Wirksamkeitsforschung stark diskutiert.

Die Wirksamkeit von Verhaltenstherapien im Umgang mit spezifischen Verhaltensauffälligkeiten bei ADHS ist wissenschaftlich unumstritten. Es besteht jedoch Uneinigkeit darüber, inwiefern eine Kombination aus Verhaltenstherapie und Pharmakotherapie als überlegene Behandlungsmethode im Umgang mit ADHS angesehen werden kann.

In der Praxis wird meist ein multimodales therapeutisches Vorgehen gewählt, um sicherzustellen, dass Personen mit ADHS die bestmögliche Betreuung und Unterstützung erhalten. Dabei müssen spezifische Bedürfnisse der betroffenen Personen und deren individuellen Unterschiede in der Reaktion auf verschiedene Behandlungsmethoden berücksichtigt werden.

(Gawrilow, 2016; Petermann, 2013)

Fazit

ADHS ist eine äußerst komplexe Störung, deren Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten immer noch intensiv erforscht werden. Trotz der Fortschritte in der Forschung wird die Erkrankung gesellschaftlich immer noch stigmatisiert und gibt zahlreiche Vorurteile über Personen mit ADHS, die sich häufig negativ auf deren Selbstwert auswirken.

Daher ist es von großer Bedeutung, dass gesellschaftlich mehr über ADHS aufgeklärt und ein respektvoller Umgang mit der Erkrankung gefördert wird. So sollen betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die Unterstützung und Akzeptanz gegeben werden, die sie für einen positiven Umgang mit ihren ADHS-Symptomen benötigen.

Quellen

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Storebø, O. J., Ramstad, E., Krogh, H. B., Nilausen, T. D., Skoog, M., ... Gluud, C. (2016). Methylphenidate for children and adolescents with attention deficit hyperactivity disorder (ADHD).

Zeit für Veränderung

Reißen wir die Mauern des Schweigens gemeinsam ein und schaffen eine inklusive Gesellschaft, in der psychische und physische Erkrankungen gleichermaßen akzeptiert und unterstützt werden.

Mag. Raphaela Vallon-Sattler
C.Mikes