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Psychische Belastungen rund um das Studium

Das Gefühl der Überforderung ist bei Studierenden weit verbreitet. Doch was ist der Hintergrund davon? In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf die Ergebnisse von zwei Studien zur psychischen Gesundheit von Studierenden. Beide Studien deuten auf eine Verschlechterung des mentalen Gesundheitszustands von Studierenden seit der Corona-Pandemie hin.

Psychische Belastungen rund um das Studium

Psychische Belastungen rund um das Studium

Du sitzt vor dem Bildschirm und die Seiten des Skripts scheinen zu verschwimmen. Deine Konzentration ist weg und alles scheint sinnlos. Du denkst dir „Ich kann das alles nicht mehr.“ Dieses Gefühl der Überforderung ist bei Studierenden weit verbreitet. Doch was ist der Hintergrund davon?

In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf die Ergebnisse von zwei Studien zur psychischen Gesundheit von Studierenden: das Mental-Health-Barometer 2022 und den TK-Gesundheitsreport 2023. Beide Studien deuten auf eine Verschlechterung des mentalen Gesundheitszustands von Studierenden seit der Corona-Pandemie hin.

Das Leben von Studierenden ist nicht immer einfach

Wenn man die Schule beendet hat und in das junge Erwachsenenalter kommt, gerät man oft in eine völlig neue und ungewohnte Situation. Man zieht von zu Hause aus und ist auf einmal auf sich allein gestellt. Vom Haushalt schmeißen, über den ersten Job bis zum Studienalltag bewältigen, kommen viele neue Herausforderungen auf einmal auf Student:innen zu.

Statistiken und Fakten

Das Mental-Health-Barometer 2022

Das Mental-Health-Barometer 2022, eine Online-Umfrage, an der über 8.000 Studierende in Deutschland und Österreich teilgenommen haben, zeigte, dass jede:r zweite Studierende seine bzw. ihre psychische Gesundheit als weniger gut bis schlecht einstuft. Die Studie wurde von Studo, einer App für Student:innen im deutschsprachigen Raum, und Instahelp, der Plattform für psychologische Online-Beratung, durchgeführt.

Über die Hälfte (52 %) der Befragten in Deutschland und Österreich beschreibt die eigene psychische Gesundheit als weniger gut bis schlecht. Nur 10 % schätzen ihren psychischen Gesundheitszustand als sehr gut ein. Weibliche Studierende zeigen deutlich schlechtere Bewertungen des eigenen psychischen Gesundheitszustands als männliche.

Psychische Belastungen der Studierenden

Die häufigsten Belastungsfaktoren für Student:innen im Jahr 2022 waren der Arbeitsaufwand im Studium, Prüfungsstress, finanzielle Sorgen und psychische Probleme. Über 80 % der Studierenden erleben zum Zeitpunkt der Erhebung Stress im Studium. Lasten rund um die Uni, Auswirkungen der Corona-Pandemie und aktuelle Weltgeschehnisse wirken sich stark auf deren mentales Wohlbefinden aus. 52 % fühlen sich durch die Pandemie und 60 % durch die aktuellen Weltgeschehnisse in ihrer psychischen Gesundheit beeinträchtigt. 

Immer noch ein Tabuthema

Mentale Gesundheit gilt für 69 % der Studierenden als Tabuthema in der Gesellschaft. Der Großteil der Studierenden betont, dass ihnen körperliche und mentale Gesundheit gleichermaßen wichtig sind. Dennoch nehmen sie sich im Vergleich zur körperlichen oder sozialen viel weniger Zeit für die Pflege ihrer psychischen Gesundheit.

Mehr Unterstützung notwendig

86 % der Befragten würden bei psychischen Belastungen professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Aber, weibliche Studierende würden eher professionelle Hilfe annehmen als männliche. Aktuell besteht in Anspruch genommene Hilfe häufig nur aus Selbsthilfe (29 %) oder Selbstrecherche (47 %). Ein Drittel der Befragten hat bis dato keine Hilfsangebote genutzt.

Beim Beratungsangebot sind die Kosten, neben dem Fakt, dass es sich bei vielen immer noch um ein Tabuthema handelt, ein wesentlicher Punkt. Wenn diese nicht von Bedeutung wären, würde dies anders aussehen: Studierende würden in dem Fall Psychotherapie, psychologische Beratung oder Coaching in Anspruch nehmen. [Quelle: OTS]

Kostenlose Beratungsmöglichkeiten

Es gibt einige Anlaufstellen, die auch kostenlose Beratung anbieten, wie zum Beispiel die Psychologische Studierendenberatung. Zudem bietet das Projekt Gesund aus der Krise rund 10.000 Therapieplätze für betroffene Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 21 Jahre in ganz Österreich an. Dabei sind 15 kostenfreie klinisch-psychologische, gesundheitspsychologische oder psychotherapeutische Beratungs-/Behandlungseinheiten im Einzel- oder Gruppensetting pro Kind, Jugendlichem und jungem Erwachsenen inbegriffen.

TK-Gesundheitsreport 2023

Der TK-Gesundheitsreport 2023 legt den Fokus auf den Gesundheitszustand der Student:innen in Deutschland nach der Corona-Pandemie. Für den Bericht wurden im Januar 2023 eintausend Studierende ab 18 Jahren vom Meinungsforschungsinstitut Forsa zu ihrer Gesundheit befragt.

Der Report zeigt, dass sich die subjektive Gesundheit der Student:innen im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie stark verschlechtert hat. Diese Veränderungen sind in der unteren Tabelle veranschaulicht: 

Tabelle zu subjektivem Gesundheitszustand von Studierenden. Vergleich der Jahre 2015 und 2023

Aus der Tabelle kann man herauslesen, dass die Erschöpfung größtenteils durch Stress verursacht wird. Weitere Gesundheitsprobleme wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und Schlafprobleme haben auch im Laufe der Jahre zugenommen. [Quelle: TK-Gesundheitsreport]

Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen waren und sind nach wie vor auch ein bedeutsamer Einflussfaktor auf das Wohlbefinden. So ergab die Befragung, dass sich 35 % der Personen durch die Folgen der Pandemie belastet fühlen. Zudem wird Einsamkeit von 29 % der Studierenden als Belastungsfaktor angegeben.

Verschlechterung der psychischen Gesundheit

Der TK-Gesundheitsreport 2023 zeigt, dass sich der Gesundheitszustand der Student:innen wesentlich verschlechtert hat. Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK, erklärt, dass die Gesundheit der Studierenden mittlerweile auf demselben Niveau aller Erwachsener liegt. Er empfiehlt auf diesen Umstand einen genaueren Blick zu werfen, da die Fach- und Führungskräfte von morgen gesund ins Berufsleben einsteigen sollen. Dies stellt eine entscheidende Grundlage für langfristige Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit in der Arbeit.

Burnout-Gefährdung

Studierende, die unter permanentem Stress und wiederholter Überforderung leiden, sind laut Professor Bertolt Meyer von der TU Chemnitz Burn-out gefährdet.

Insgesamt sind, nach Meyer, 37 % der Student:innen stark emotional belastet, davon sind vor allem Frauen mit 44 % stark betroffen. Emotionale Erschöpfung gehört zu den Leitsymptomen für drohenden Burn-out.

Anstieg der Antidepressiva-Verschreibung unter Studierenden um 30 Prozent

Die Analyse der Arzneimittelverordnungen von Studierenden im Alter von 20 bis 34 Jahren, die selbst bei der TK versichert sind, deutet ebenfalls auf psychische Belastung hin. Der Anteil der Studierenden, denen Antidepressiva verschrieben wurden, stieg von 2019 bis 2022 um 30 %.

Laut Dr. Thomas Grobe vom aQua-Institut für angewandte Wissenschaften erhalten Studierende häufiger Antidepressiva als gleichaltrige Erwerbstätige. Die Verordnungsrate stieg bei männlichen Studierenden um 18 % und bei weiblichen sogar um 38 %. TK-Chef Baas äußert, dass der Anstieg beunruhigend ist. In vielen Fällen sind Medikamente ein Segen, aber es ist wichtig zu beachten, dass diese nicht immer eine gute Lösung für Stress oder Erschöpfung sind, so Baas.

Leistungsdruck, Prüfungsstress, finanzielle Sorgen 

Prüfungen, Mehrfachbelastung durch Studium und nebenbei arbeiten, Angst vor schlechten Noten, schwieriger oder umfangreicher Lernstoff und finanzielle Sorgen sind nach dem TK-Gesundheitsreport 2023 die Hauptbelastungsfaktoren der Student:innen. Auch die Einschränkungen aufgrund von Covid im Studium und im täglichen Leben haben Nachwirkungen. 35 % der Befragten gaben an, dass die Pandemie sie belastet hat.

Die Universitäten mussten während der Pandemie schnell auf digitale Bildung umsteigen. Obwohl die Studierenden die digitale Bildung insgesamt positiv bewerten, zeigt die Umfrage, dass sie unter Beeinträchtigungen wie fehlende soziale Kontakte, weniger Bewegung, lange Bildschirmzeiten und Einsamkeit leiden.

Hochschulen müssen in die Gesundheit von Studierenden investieren

Damit die Leistungsfähigkeit der nachfolgenden Generationen auch künftig aufrechterhalten bleibt, sind die Hochschulen dringend aufgefordert, in die Gesundheit ihrer Student:innen zu investieren. Es ist von großer Bedeutung, dass die Probleme genauer angeschaut und nachhaltige Lösungen entwickelt werden. Ein Beispiel dafür ist ein gezieltes studentisches Gesundheitsmanagement. Lösungen wie ein bewegungsfreundlicher Campus oder bessere Gestaltung von Prüfungsphasen wären ein guter Anfang. Ein Stressreduktionskurs reicht nicht, laut TK-Chef Baas. [Quelle: TK-Gesundheitsreport]

Zwei Studien, ein besorgniserregendes Ergebnis

Die Ergebnisse der zwei vorgestellten Studien bieten einen besorgniserregenden Einblick in das psychische Wohlbefinden von Studierenden. Beide Berichte verdeutlichen, dass sich der mentale Gesundheitszustand von Studierenden seit Beginn der Corona-Pandemie verschlechtert hat.

Laut dem Mental-Health-Barometer 2022 bewerten über 50 % der Studierenden in Deutschland und Österreich ihre mentale Gesundheit als weniger gut bis schlecht. Die psychischen Beschwerden, einschließlich psychischer Probleme, finanzieller Sorgen und Stress im Studium, haben stark zugenommen. Der TK-Gesundheitsreport 2023 bestätigt auch diese Verschlechterung und zeigt, dass Student:innen gefährdet sind, Burn-out zu erleiden. Ein weiteres beunruhigendes Zeichen ist der Anstieg der Antidepressiva-Verschreibungen unter Studierenden um 30 %.

Hochschulen müssen gezielte Maßnahmen wie ein studentisches Gesundheitsmanagement und ein bewegungsfreundlicher Campus ergreifen, um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der kommenden Generationen sicherzustellen. Es ist offensichtlich, dass ein einfacher Kurs zur Stressreduktion nicht ausreicht, um diese Probleme anzugehen.

Anlaufstellen für Betroffene

Wenn du unter psychischen Belastungen im Zusammenhang mit deinem Studium leidest, stehen dir folgende Anlaufstellen zur Verfügung, um dich beraten zu lassen und Unterstützung zu erhalten:

Fazit

Die psychische Belastung von Studierenden ist zu einem beklemmenden Problem geworden, insbesondere seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Das psychische Wohlbefinden von Student:innen ist deutlich beeinträchtigt.

Um das Wohlbefinden der Studierenden zu verbessern, sind gezielte Maßnahmen wie ein studentisches Gesundheitsmanagement, ein bewegungsfreundlicher Campus und eine bessere Gestaltung von Prüfungsphasen unbedingt erforderlich.

Studierenden müssen die Unterstützung und Ressourcen, die sie benötigen, um ihre psychische Gesundheit zu pflegen, geboten werden. Nur so können wir sicherstellen, dass die zukünftigen Fach- und Führungskräfte gesund ins Berufsleben starten und langfristige Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit in der Arbeit erreichen können.

Zeit für Veränderung

Reißen wir die Mauern des Schweigens gemeinsam ein und schaffen eine inklusive Gesellschaft, in der psychische und physische Erkrankungen gleichermaßen akzeptiert und unterstützt werden.

Mag. Raphaela Vallon-Sattler
C.Mikes